Texte

Hier können Sie sich einen Eindruck von einigen meiner Texte verschaffen.

Die verlassenen Alten Siebenbürgens

Vor mehr als zehn Jahren fuhr ich mit frischem Mut und leichtem Sinn zum ersten Mal nach Siebenbürgen. Ohne Kenntnis von diesem Land und frei von Erwartungen, gespannt auf ein neuerliches Abenteuer namens Osteuropa. Dass (nicht nur) ich mich Hals über Kopf in dieses Land verlieben würde, konnte ich zuvor natürlich nicht ahnen. Und doch: Schon nach kurzer Zeit erwuchs ein Gefühl für dieses Land; ein Gefühl, das mir mein ganzes Leben zuvor fremd gewesen war. Ich fühlte Heimat.

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Was es allerdings mit diesem Siebenbürgen oder mit diesem Rumänien auf sich hatte, das war und ist der westdeutschen allgemeinen Bildung ebenso fern und fremd wie ein Krieg in Ruanda oder Kinderarbeit in Bangladesch. Zumindest hatte man eventuell schon mal gehört, dass es so etwas gibt. Natürlich gierten wir nach Information, sprachen mit den Menschen dort und holten uns anderweitig weiteres Wissen. Und immer klarer wurde, was uns Medien verstohlen schon immer suggerierten: Die Länder Osteuropas, die jahrzehntelang unter der Knute des Sozialismus litten, und insbesondere dieses Land, sind fertig, am Boden, nicht mehr zu retten. Da kranken Wirtschaft, Infrastruktur, Demographie. Wer weg gehen kann, geht weg. Schließlich haben es schon diejenigen vorgemacht, die von der bundesdeutschen Regierung aus dem rumänischen Joch freigekauft wurden und im Austausch den Devisenhandel florieren ließen. Ihnen allen hat der Westwind die Lügen von schnellen Autos und Kindergeld ins Ohr geflüstert. Und dann, nach dem Zerfall des Ostblocks, nachdem endlich der teuflische Leuteschinder einem gerechtfertigten Tyrannenmord zum Opfer fiel, nach all den überstandenen Diktaturen – wie viele waren es eigentlich? – und Repressalien, in dem Augenblick, in dem man endlich wieder Luft schöpfen kann, anfangen kann, selbstbestimmt sein Leben zu gestalten, gerade da verlassen auch noch die meisten der übrig gebliebenen ihr Land. Sie verlassen ihre Heimat, ihre Tradition, ihr Erbe und geben ihr Leben auf, das ihre Ahnen sich immer wieder erstreiten mussten, das sie über 800 Jahre für wert befanden, es gegen fremde Herrschaft zu verteidigen. Im Tausch dürfen sie im goldenen Westen in zentralgeheizten Wohnungen mit fließendem Wasser leben, für ihre Lebensmittel viel Geld bezahlen, eine Hand voll Asche auf Sachsenfeste tragen und feststellen, dass nicht nur Gold glänzt. Viele gehen, nur ganz wenige kommen zurück und verfluchen den verdammten Lügner, der den Menschen als erstes den blendend-goldenen Märchensand in die Augen gestreut hat.

Warum also will ich nun dorthin gehen, von wo jeder weggeht, der es vermag – immer noch. Warum träume ich von einem Leben, das den meisten Menschen unsäglich unlebbar vorkommt oder sogar ein alltäglich gelebter Albtraum ist? Warum will ich Teil werden von einer Demographie, deren Lebenskraft mit Stumpf und Stiel ausgerissen wurde, von der nur mehr ein paar schwache Äste übrig sind? Denn dies scheint der Fall zu sein: Nur die Alten sind geblieben, und wer jung und immer noch dort ist, der hat in seinem Leben wohl einiges falsch gemacht.

Ich will nicht dorthin gehen, um mich einer vermeintlich dorthin gehörenden Tradition zu verhaften, mich als Siebenbürger Sächsin oder Neu-Sächsin zu fühlen. Die Zeiten hierfür sind vorbei, daran ändern auch sächsische Trachtenfeste nichts. Was ich will, ist ein einfaches Leben, in dem ich möglichst unabhängig bin von fremder Herrschaft, industrieller Produktion und Kapitalismus und selbst für Wohl und Wehe Verantwortung trage. Gerade so, wie die Menschen es in Siebenbürgen seit Jahrhunderten gelebt haben. Und gerade so, wie die letzten Alten, sofern es ihre Kräfte zulassen, immer noch leben. Wo aber haben diese Alten einen kulturellen Rückhalt? Womit identifizieren sie sich? Können sie sich immer noch als Siebenbürger Sachsen fühlen? Diese Frage kann wohl nur beantwortet werden, wenn man sie den Menschen dort stellt.

Will ich dann, später, auch eine von diesen Alten werden? Was ist, wenn meine Kinder auch dem bäuerischen Leben den Rücken kehren, von dort in die Stadt oder in ein anderes Land gehen und mich dort zurücklassen? Auch sie wollen und werden früher oder später ihr eigenes Leben, ihre eigenen Familien haben, wo ich dann vielleicht nur störe und zur Last falle. Wie werde ich mich dann entscheiden? Ich weiß es nicht.

Verfasst für ein Kolloquium des Roland Girtler, Wiener Professor für Soziologie

Köln-Süd, linksrheinisch

Nachts alleine auf der Mole sitzen und dem Mond beim Abnehmen zusehen kann wohl kaum Tätigkeit sein? Ein wenig Einbildungskraft genügt schon mir vorzustellen, es sei eine Nacht an der Schlei und der Wasserarm führt mich direkt zum Meer. Doch nein, zu wenig Segelboote und das Dröhnen der Schiffsdiesel zerteilt die Nacht viel zu langsam in Abfolgen von Backbord- und Steuerbordlampen, die ihnen unbekannte Bugwellen verspätet an die Steine wogen lassen. Unter den Steinen klingt es wie Metall auf Metall, wenn das Wasser sich hebt und senkt, vielleicht eine norwegische Fischbüchse, die dem holländischen Kapitän in Frankreich über Bord ging und sich in den Kölner Steinen verfing? Müßig, der Sache auf den Grund zu gehen.

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Am anderen Ufer der leichte Widerschein zweier Feuer, an denen vielleicht gesungen wird, vielleicht auch nicht. Hinter mir die Festbeleuchtung rheinischer Gastronomie, die auf all diejenigen wartet, die in Berlin, der Stadt des ganzjährigen Draußensitzens, bemäntelt das Ausharren nicht mehr sommerlauer Nächte hätten erlernen können.

Ein Zander erfährt sein Ende am nächtlichen Rheinangelhaken – Schmeckt wunderbar! - Ganz sauberes Wasser hier! - beteuert man mir.

Nachts allein am Rhein sitzen? Das sei für eine Frau doch eher untypisch, bekomme ich gesagt.

Datenschutz

Meine Tochter war ein gutes Jahr alt, als ihre Patentante zu Besuch kam. Man trank Kaffee im Garten, schnackte eine Weile und verfiel auf die Idee, sich blödsinnig zu verkleiden. Viel Gelächter: meine Tochter ausstaffiert mit Hut und riesiger Sonnenbrille. Fotos wurden geschossen.

 

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Ein paar Tage später erwähnte eine Freundin, die Patentante habe die Fotos des Besuchs – und also auch die meiner Tochter – auf einer namhaften social media-Plattform gepostet. Ich war sprachlos und wütend von dem Gefühl, einem Sachverhalt ausgeliefert zu sein, in meinen Bedürfnissen übergangen worden zu sein und meine ureigensten Überzeugungen ignoriert zu wissen. Nach einem kurzen und heftigen Telefonat hat sie die Fotos wieder gelöscht.

Warum aber will ich nicht, dass Bilder meiner Tochter durch das Netz geistern und dort von jedem Menschen, der Zugang zum Internet hat, betrachtet werden können? Sie ist doch so entzückend! Und weil es eine Binsenweisheit ist, dass das Internet eine gewisse Unübersichtlichkeit in sich birgt, stellt sich mir die Frage: Wer schaut sich diese Bilder an? Vielleicht ist es ja sogar ein Perverser, der sich – freilich ohne mein Wissen und ohne die Chance, dies je mitzukriegen – mit einem solch entzückenden Kinderbild Lust verschafft?

Früher, ich kenne es auch nur aus Berichten von Menschen, die ein paar Jahre älter sind als ich, hat man sich sogar geweigert, bei der Volkszählung die Türe zu öffnen und somit etwas von sich und seinem engsten Umfeld preiszugeben.

Heute dagegen scheint es für viele von uns völlig normal zu sein, bei jeder Gelegenheit kurz darüber zu berichten, was wir gerade tun oder wo wir uns befinden. Und immer dabei: Fotos und Filme. Eine unüberschaubare Bilderflut stürzt auf Bildschirme und Server ein. Die Tatsache, dass sie – einmal publiziert – unwiderruflich in den öffentlichen Raum gebannt sind, macht sie unkontrollierbar. All die neuartigen digitalen Errungenschaften, die uns das Leben erleichtern und uns miteinander verknüpfen sollen, sind nur für die wenigsten von uns durchschaubar. Wir wissen kaum, was mit unseren Daten passiert und wem sie zugänglich sind. Gesichtserkennung und Standortbestimmungen sind wohl erst der Anfang der medialen Datenkrake, die uns im Interesse von Konzernen und Institutionen oder von wem auch immer zu manipulieren sucht. Auch ein Mehrwert für die viel gepriesene Sicherheit ist nicht unmittelbar erkennbar.

Die einzige Möglichkeit, uns vor dem Missbrauch unserer Daten zu schützen, besteht darin, bewusst und kritisch mit ihrer Herausgabe zu verfahren.

Niemand kann verbal und medial inkontinenten Menschen verbieten, die Erfahrungen, Aktivitäten und Erlebnisse der eigenen Familie öffentlich darzustellen. Doch sollten wir uns darüber im Klaren sein, wo die Grenzen des Privaten zu ziehen sind. Ich selbst kann entscheiden, ob ich mein Konterfei in die unergründlichen Weiten des Äthers werfe. Doch Kinder sind in ihrer Unmündigkeit für sich selbst nur begrenzt verantwortlich. Die Verantwortung tragen wir. Und es geht niemand Fremdes etwas an, wer meine Kinder sind und wie sie aussehen. Sie können nicht darüber urteilen, ob Fotos oder Filme von ihnen auf fremden Bildschirmen in ihrem Sinne sind. Hier fängt echter Datenschutz an.

Ampelfrauchen

Die Ampel hat auf Rot geschaltet und das Ampelmännchen lacht mich nicht an. Das immergleiche Ampelmännchen. Ob das schon seit den fünfziger Jahren so aussieht? Oder sogar noch länger?

 

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In Berlin findet sich das bunteste Biotop an Ampelschaffenden. Weibliche, wegen ihrer Zöpfe und ihres Rocks so zu nennen, und behoste oder behütete männliche. Lichttätige aus Ost und West, Seit’ an Seite traulich an Kreuzungen vereint. Ich bezweifle, dass die alle nach gleichem Tarif bezahlt werden. Und ob es irgendwo noch Beamte unter ihnen gibt? Die müssten dann schon sehr alt sein. Nach der Privatisierung des staatlichen Lichtzeichenamts sind die meisten bestimmt mit befristeten Niedriglohnverträgen angestellt. Und schon sind die Träume von einer gesicherten Rente dahin. Von einer gemütlichen Pension ganz zu schweigen. Es sollen sogar Ungelernte darunter sein. Die Arbeits- und Ruhezeiten wechseln in viel zu kurzen Abständen und besonders die stehend Tätigen arbeiten länger als sie ruhen. Aber dafür müssen sie ja auch nur rumstehen. Manchmal sehe ich an Kreuzungen auch Ampelfrauchen, doch diese so zu nennen, habe ich mich nur einmal getraut. Ein zorniger Blick versicherte mich der extremen Missbilligung für diese Bezeichnung. Hier hört der Spaß beim Gendern auf. Wie soll ich sonst sagen? Ampelmänninnen? Ein Hoch auf die Möglichkeiten, die Sprache so lange zu verbiegen, bis man sie ihrer Gefälligkeit und ihres Sinnes entleert hat.

Wir sollten es mal mit Ampeltierchen versuchen. Das ist so schön neutral. Und wir scheuen uns im sonstigen Leben bei Tierchen auch nicht, sie mit Dauerbelastung zu plagen. Ein grüner Wanderfalke im Schichtwechsel mit einer roten Seeanemone, Repräsentantin einer beinahe zur Bewegungsunfähigkeit verdammten Spezies. Im Augenblick des Schreibens überfallen mich Zweifel, ob irgendwer eine Seeanemone, besonders in der piktogrammatischen Vereinfachung, die ein Ampellicht erfordert, erkennen würde. Es muss einfacher gehen. Vielleicht so: Eine niedliche rote Katze, sitzend, den Schwanz adrett gelegt und vielleicht sogar – wie in der ‚gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug‘ – warnend winkend, im Wechsel mit einer niedlichen grünen Katze, mit stolz erhobenem Schwanz erhaben schreitend. Niedliche Katzen ziehen immer.

Durst im Donaudelta

Sulina. Eines unserer Reiseziele haben wir hier erreicht: Flusskilometer Null. Ein Arm der mächtigen Donau mündet hier unspektakulär ins Schwarze Meer. Das Städtchen ist hübsch anzusehen, von überschaubarer Größe und es lässt erahnen, dass es eine wichtige internationale Seehandelsstadt war.

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Davon zeugen diesseits des Flusses die einst prächtige Uferpromenade und jenseits die Reste einer Hafenanlage und rostende Schiffsleiber. Schmucklose sozialistische Bauten, vernagelte Fenster und bröckelnder Glanz, auch hier wird die Misere Rumäniens der letzten Jahrzehnte sichtbar. Es wundert uns, dass es hier Autos gibt, die sich vereinzelt finden: Keine Straße führt hierher, alle Güter kommen ausschließlich per Schiff. Obwohl Ferienzeit ist, sind wir fast die einzigen Gäste in einem der Restaurants. Es ist eine laue Nacht und wir beschließen, am Strand zu schlafen. Dort finden wir einen Kiosk, dessen Besitzer wir noch ein paar Flaschen Bier und Wasser abnötigen. Es sei der letzte Tag seiner Saison dort am Schwarzmeerstrand, teilt er uns mit. Das letzte Bier des Sommers am östlichsten Büdchen Rumäniens gekauft.

Der nächste Morgen verheißt uns einen warmen Tag. Wir wollen nicht den Sulinaarm entlang zurückreisen sondern beschließen, uns nach Süden zu wenden. Sfântu Gheorghe heißt das Städtchen, das am gleichnamigen Donauarm liegt. Die angesprochenen Bewohner Sulinas finden unser Vorhaben tapfer, man nennt Entfernungen zwischen 25 und 50 Kilometern, die die beiden Orte trennen. Wir haben eine detaillierte Landkarte dabei und schlagen Bedenken ob der Wegstrecke in den Wind. Vorschnell.

Der Strand, schier endlos lang und komplett ohne Badeurlauber, lädt zum Tippeln ein, zu Beginn laufen wir sogar barfuß und erfreuen uns unserer Spuren. Es geht zwar langsamer vorwärts als sonst, doch vermittelt der feuchte Sand an den Füßen so ein ganzheitliches Wandergefühl. Noch zittern schlanke weiße Wolken über einen strahlend blauen Himmel, eine stete Brise vom Meer erfrischt uns. Auf den ersten Kilometern des Weges fallen uns nahe der Militärstraße, die fast schnurgerade beide Küstenstädte verbindet, eigentümliche Bauwerke auf, klotzig aus Beton gebaut, beiderseits parallel zum Meer mit Rampen versehen. Ihre Bestimmung erschließt sich uns nicht. Irgendwo am Strand sehe ich den ersten Delfin meines Lebens, tot und aufgedunsen liegt er da. Traurig, dass mir kein lebendes Exemplar begegnet. Nach einer Stunde haben wir das Schleppen der Schuhe auf dem Gepäck satt und ziehen sie wieder an. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen – und sie werden nicht ausreichen, um das Tagesziel zu erreichen. Wir haben zu wenig Wasser dabei und seit diesem Tag weiß ich, was es heißt, Durst zu haben. Gegen Mittag schlägt das Wetter um, es wird drückend, heiß und schwül, jeder Kilometer wird zu einem Kraftakt. Wir setzen unseren Weg auf der Straße fort. Aus dem beschwingten, lustvollen Tippeln ist eine Qual geworden, es ist, als gingen wir durch zähen Nebel. Wir haben keine Vorstellung von der Länge der zurückgelegten oder noch vor uns liegenden Strecke. Irgendwann kommt das Auto des Tages, doch leider fährt es in die falsche Richtung. Obwohl erst Nachmittag, ist es schon finster; stundenlang dräuen dunkelgraue Gewitterwolken am Himmel und entlassen doch keinen kühlenden Regen. Auf der Landkarte ist auf etwas mehr als halber Strecke ein alleingelegenes Haus eingezeichnet. Mein dehydrierter Geist wünscht, hofft, erwartet, dass es sich dabei um nichts anderes als ein Café am Strand handeln kann. Im Niemandsland im Donaudelta. Und natürlich wird diese Vorstellung Lügen gestraft, als wir es nach Stunden endlich passieren: ein verlassenes Gebäude, gelegen auf einer leichten Anhöhe, ohne intakte Scheiben in den Fenstern und erkennbaren Nutzen. Welch irrationale Enttäuschung. Ich halluziniere inzwischen, tagträume von großen, beschlagenen Gläsern mit Sprudelwasser, mein Mund ist trocken und dennoch muss ich wieder und wieder ausspucken. Wir haben eine Flasche Wein bei uns. Sie zu öffnen, haben wir immer weiter hinausgezögert, doch irgendwann machen wir uns darüber her, saufen den Wein wie gierige Tiere direkt aus der Flasche und leeren sie, ohne dass uns die Wirkung des Alkohols nennenswert beeinträchtigt. Dieser aberwitzige Durst: Wir befinden uns in einem der gewässerreichsten Gebiete Europas. Der Kanal verläuft seit einigen Kilometern neben der Straße entlang – oder der Schotterpiste, oder wie man es auch nennen mag. Schon dunkelt es; am Ende des Weges sehen wir für viel zu lange Zeit die Lichter des Städtchens, und doch fühlt es sich so an, als brächte uns keiner unserer Schritte dem Ziel näher. Einmal hören wir Menschen auf einem nahen Boot sprechen, wir rufen, doch zu spät: Unsere Stimmen gehen im Gedröhn des Außenborders unter. Verzweifelt geben wir auf und pinnen das Zelt an den Wegesrand. Ich schöpfe Wasser aus dem Kanal, gut, dass wir dieses Kochtöpfchen gefunden haben. Auf der anderen Seite des Weges ein Gehölz, wir wollen das Wasser abkochen, doch trennt uns ein unüberwindbarer Zaun. Wir sammeln getrocknete Kuhfladen ein, sie eignen sich auch vorzüglich zum Feuer machen. Die letzten Minuten fordern unsere Geduld heraus: Es dauert so unglaublich lange, bis das Wasser kocht – und bis es wieder so weit abgekühlt ist, dass es Trinktemperatur hat. Wir sind so dehydriert, dass unser normales, rationales Denken pausiert. Kaum haben wir uns über den Inhalt des Wassertopfes hergemacht, öffnet der Himmel seine Schleusen und überzieht das Land endlich mit dem lang erhofften Gewitter. Doch leider sind wir nicht geistesgegenwärtig genug, den Topf unter die Kante der Zeltplane zu stellen und damit das frische, kühle Wasser aufzufangen. Wir liegen nur da, hören das Rauschen des Regens und des Donners und lassen uns in unserer Erschöpfung nicht durch das Aufleuchten der Blitze stören. Am nächsten Morgen, in der Kühle des Tages und nach dem reinigenden Gewitter, brauchen wir nur wenig mehr als eine halbe Stunde, um den Ort zu erreichen.